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WAS IST TUINA-THERAPIE?
Die älteste Therapieform am Menschen ist die Massage. Schon das Wort "Behandlung" gibt am Besten Aufschluss über Wesen und Ausführungsinstrument dieser Therapie. Außer den schon bekannten Techniken der Massage wie z.B. klassische Bindegewebs-, Reflexzonen- und Segmentmassage, lehrt man nun auch die traditionelle chinesische Massage (Tui-na), welche weit über die anderen Techniken hinausgeht. Sie ist viel kompletter, denn die Behandlung beschränkt sich nicht allein auf die Symptome, vielmehr zielt sie auf die Bekämpfung der Ursachen von Leiden. Tuina basiert auf der theoretischen Grundlage der Akupunktur - mit anderen Worten "Akupunktur mit den Fingern" - jedoch nicht zu verwechseln mit Akupressur, deren alleiniges Ziel die Schmerzbekämpfung ist.
Indikationen:
Die TCM unterteilt die Indikationen in 2 Gruppen:
1.) Störungen im Bereich des Bewegungsapparates
2.) interne und psychosomatische Störungen
Störungen im Bereich des Bewegungssystems:
Nach jedem Trauma entstehen an den Weichteilen,
der Muskulatur, der Sehnen, Sehnenansätzen, Bändern und Gelenkskapseln
Schmerzimpulse, die auf nervalen Wegen weitergeleitet werden und eine
reflektorische Muskelverspannung als Schutzmechanismus auftreten lassen, damit
wenig Bewegung und dadurch wenig Dehnreize an den verletzten Weichteilen
auftreten. Wenn dieser Schutzmechanismus aber zu lange andauert, können
Verwachsungen, Narbenbildungen, Mangeldurchblutung, Muskelverspannungen und
Gelenksblockierungen im Sinne eines Circulus vitiosus fortbestehen. Daher ist
die Bekämpfung des Schmerzes, der Muskelverspannungen und der
Gelenksblockierung in der Traumatologie besonders wichtig:
Die chinesische Massage erreicht die Detonisierung auf folgenden Wegen:
a) Steigerung der lokalen und allgemeinen
Durchblutung
b) Reflektorische, analgetische Wirkung, wie wir sie vom Akupunkturphänomen her
kennen
c) Postisometrische Relaxation
d) Deblockierung von Gelenksstörungen durch Weichteiltechniken und passives
Bewegen
Günstig beeinflußbare Krankheitsbilder:
Schultergürtelbereich:
Cervikalsyndrom, Schulter-Arm-Syndrom, Tennisarm, Karpaltunnelsyndrom
Beckengürtelbereich: Lumbago, Lumboischialgie,
pseudoradikuläres Syndrom, Coxarthrose, Gonarthrose,
Zerrung des Sprunggelenks
Hemiparese nach cerebralem Insult
Internistische und psychosomatische Störungen
Die chinesische Massage ist besonders geeignet, vegetative und psychosomatische Störungen zu behandeln. Das Arbeitsmodell dafür liefern das Meridiansystem und die Physiologie von Yinwei Qixue "Vitalenergie und Blut".
Günstig beeinflußbare Krankheitsbilder:
Magen-Darm-Dysfunktion, Durchfälle, Obstipation, postoperativer Ileus, Singultus, Gallenkolik, Asthma bronchiale, Cephalea, Schlafstörungen, essentielle Hypertonie, Potenzstörung, Menstruationsstörung, Uterussenkung, Rhinitis vasomotorica.

Die Tuinatherapie gewährt einen hoch interessanten Einblick in die älteste Therapieform auf dieser Erde. Das Anfassen eines Menschen ist wohl der menschlichste Akt in der Medizin er bedarf auch keiner Hilfsmittel.Es ist wohl bezeichnend für unsere Zeit, dass die Ärzte diese Methodik im wesenlichen vernachlässigen, sie lassen sie meist von geschulten Physiotherapeuten durchfuhren. Dennoch bemerkt man in zunehmendem Maße eine Rückkehr bzw. ein neues Erwecken des Interesses der Ärzteschaft an der Massage. Dies ist sicherlich ein Verdienst der chinesischen Massage, die ein weit kompletteres Spektrum anbietet als die hier übliche Körpermassage. In vielen Belangen geht sie auch noch über die leider zu wenig geübte Bindegewebsmassage nach Teirich-Leube hinaus.
Dr. Alexander Meng, Mitarbeiter unseres Institutes und lieber Freund, hat sich bemüht, die gesamte chinesische Literatur darüber zu durchforsten, er erhielt auch in der Volksrepublik China eine komplette Ausbildung darin.
Es ist weiterhin sehr bemerkenswert, dass das erste umfangreiche Buch zum Thema sehr viel Gedankengut der traditionellen, klassischen chinesischen Medizin in sich trägt. Das Werk ist also direkt vergleichbar mit den ersten umfassenden Büchern über Akupunktur in Europa (Soulie de Morant, de la Fuye, Chamfrault, G.Bachmann u.a.). So wird es also sicher noch einige Jahre dauern, bis auch die chinesische Massage, vornehmlich nach europäischen Maximen, erläuterbar sein wird, es sei denn, dass manche Schulen auch hier den Fehler machten, sich allein auf die Symptomatologie zu beziehen, wie das heute noch teilweise in der Akupunktur geschieht, besonders in Europa.
Wollen wir nicht den Fehler machen, uns an einigen, erst ausgefallen wirkenden Krankheitsbildern zu stoßen, ebenso nicht an traditionellen Theorien. Die Symptomatik stimmt genau mit unserer überein. Die Erkrankungen sind hier und dort qualitativ gleich, wohl aber quantitativ verschieden.
(Vorwort für das Lehrbuch der chinesische Massage Tuinatherapie, Haug Verlag, A. Meng 1991)
Prim.
Prof. Dr. Hans Tilscher
Ehem. Vorstand der Abteilung für konservative Orthopädie
und Rehabilitation
Orthopädisches Spital, A-1130 Wien
Keine andere Form des Einwirkens auf den Körper - sowohl beim Gesunden als auch beim Kranken - wird so häufig verlangt oder verordnet wie die Urform jeden Behandelns: die Massage.
Das Behandlungsobjekt ist in der Mehrzahl der Fälle der Bewegungsapparat, der sich auch beim noch Gesunden durch seinen statischen Mißbrauch bzw. auch durch seine dynamische Überbelastung häufig im Zustand einer latenten Erkrankung befindet. Durch seine Behandlung, aber auch durch die Behandlung der Haut ist es möglich, Befindensstörungen aller Art, auch Erkrankungen innerer Organe, zu beeinflussen.
Es findet sich nirgends auch nur der geringste Ansatz zum Mystizismus, sondern das Bestreben, eine in Jahrhunderten entwickelte chinesische Empirie des Behandelns nach europäischen bzw. schulmedizinischen Gesichtspunkten in ihrer Indikation, Intensität, Dosierung und in den Techniken zu verfeinern und zu präzisieren. So kommt es, dass man eigentlich wohlbekannte klinische Phänomene beschrieben sieht, wenn man z.B. die muskulotendinären Gefäße studiert, die doch so deutlich an die sogenannten pseudoradikulären Phänomene erinnern.
Die sogenannten 'meist verwendeten Punkte' könnten aus der Dokumentation sogenannter Maximalpunkte oder Triggerpunkte, die bei der Schmerzpalpation des Bewegungsapparates gefunden wurden, entnommen sein. Die einzelnen Massagetechniken wie das Schieben, Streichen, Zwicken, Drücken wie das Reiben, Klopfen und Klatschen, bis hin zur Technik der Vibration, sind bekannte, aber hier wesentlich verfeinert beschriebene Wissensinhalte. Die Berücksichtigung von konstitutionsmäßigen Gegebenheiten und der Reizstärke zeigt einmal mehr, wie nahe sich das Gedankengut chinesischer Medizin und die praxisorientierte Schulmedizin im deutschsprachigen Raum (besonders in Österreich) nahe stehen. Dies besonders dann, wenn der Schulmediziner gelernt hat, den Patienten nicht nur aus der Sicht der Hochtechnologie zu sehen, sondern imstande ist, ihn im Rahmen der in ihrer Wichtigkeit und Bedeutung konstanten klinischen Untersuchung manuell aufzufassen und ihn zu erfassen.
(Vorwort für das Lehrbuch der chinesische Massage Tuinatherapie, Haug Verlag, A. Meng 1991)
WANN WIRD DIESE TECHNIK ANGEWANDT?
Bei allen Beschwerden am Bewegungsapparat, jedoch erst nach Diagnosestellung durch einen Arzt, um organisch bedingte Ursachen auszuschließen (z.B. Schulterschmerz bei Gallen- und Darmbeschwerden). Die Anwendung der Tuina-Technik in der Orthopädie, Sportmedizin und Unfallchirurgie ist eine Domäne der traditionellen chinesischen Massage. Tuina-Therapie ist eine Methode, die bei richtiger und sachgemäßer Anwendung äußerst wirksam ist. Der Erfolg der Behandlung setzt natürlich ein profundes theoretisches Wissen voraus, besonders was die Lokalisation der einzelnen Punkte betrifft.
Die Schwierigkeiten, auf die der Behandler zumeist stößt, bestehen darin, den zu Behandelnden von Tuina und ihrer Wirksamkeit zu überzeugen. Die Behandlungsserie selbst umfaßt 10 Sitzungen, wobei meistens nach der 4. Behandlung eine merkliche Besserung eintritt. Die verbleibenden sechs Sitzungen sollen eine Stabilisierung des schmerzfreien Zustandes herbeiführen. Leider kommt es nur allzu oft vor, daß der Patient, sobald keine Schmerzen mehr spürbar sind, die Behandlung abbricht, was zur Folge hat, daß er nach kurzer Zeit wieder rezidiviert, das heißt neuerlich Schmerzen bekommt. So sollte eine Behandlungssequenz unbedingt komplett abgeschlossen werden. Schlußendlich wird das Können des Therapeuten an dem Erfolg der Methode gemessen.
Ausbildung für Tuinatherapeuten und Therapeutenliste siehe ÖAT - Ausbildungsprogramm.
Vorträge und Seminare über TCM und Akupressur zur Gesundheitspflege für Laien mit Prof. Dr. Meng Alexander siehe www.meng.at.